"Krankheitsbild Depression – Volkserkrankung und Zeichen der Zeit?", unter dieser Überschrift diskutierten im Ludwig-Thoma-Haus auf Einladung der Dachauer SPD Dr. David Althaus (Dipl.-Psych., Psychotherapeut, Buchautor und Mitbegründer des Deutschen Bündnis gegen Depressionen e.V., Mitglied im Münchner Bündnis gegen Depressionen e.V. sowie Beiratsmitglied der Deutschen Depressionshilfe), Dr. med. Rudolf Szymkowiak (Vorsitzender Ärztlicher Kreisverband Dachau), Andreas Miller (Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes, Caritas Dachau), Stephan Haniffa (Diplom-Kaufmann, Mitgliederservice und Beratung Kassenärztliche Vereinigung Bayerns) sowie Sylvia Neumeier (SPD-Kreisrätin). Die Moderation übernahm Anke Drexler, Leiterin des Arbeitskreises Bildung und Soziales der Dachauer SPD.
Die Zahl der diagnostizierten Erkrankungen nimmt zu, so Dr. David Althaus in seinem Eingangsreferat, gleichzeitig ist aber nicht jede Verstimmung eine Depression. Wichtig jedoch ist es, das Befinden des Patienten in den Mittelpunkt zu stellen. Vorrangig ist oft, so Dr. Althaus, das „Gefühl der Gefühllosigkeit“, oft überdecken auch körperliche Symptome die Depression. Vorbehalte, so das Ergebnis einer von ihm vorgestellten Studie, bestehen in weiten Kreisen der Bevölkerung immer noch gegen die Medikation mit Antidepressiva. Er wandte sich gegen das verbreitete Fehlurteil einer befürchteten Medikamentenabhängigkeit.
Depressionen treten in jedem Lebensalter auf, können einzelne Episoden darstellen oder über einen längeren Zeitraum als schwere Depression bestehen, hier ist die medizinische Behandlung im Sinne einer Medikation unabdingbar. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern bietet auf ihrer Homepage eine telefonische Vermittlung von Therapieplätzen, die allen Patienten offensteht, so Stephan Haniffa.
Dr. Szymkowiak, niedergelassener Allgemeinmediziner, berichtete aus seiner Praxis. Hier sprechen Patienten und Patientinnen das Thema direkt an, kommen also "mit der Diagnose in die Praxis". Frauen nehmen dabei sich selbst bewusster wahr – vielleicht ein Grund für die höheren Fallzahlen bei Frauen, so Dr. Szymkowiak. In der ärztlichen Fortbildung spielt das Thema eine zunehmende Rolle.
Das intensive ärztliche Gespräch ist unabdingbar, wird aber, so wurde nach den Ausführungen zur Honorargestaltung von Stefan Haniffa klar, nicht entsprechend gewichtet. Hier besteht Bedarf für eine andere Gewichtung innerhalb des ärztlichen Honorierungssystems.
Andreas Miller verwies auf die komplexe Lebenssituation, in der Betroffene und ihre Familien Unterstützung in verschiedenen Bereichen, wie zum Beispiel beim Verlust der Arbeitsstelle, bei finanziellen Belastungen oder auch bei Wohnungsproblemen benötigen. Belastungen in der Berufswelt wirken als verstärkende Faktoren. Es fehlt eine aktivere Beratungspraxis der öffentlichen Ämter und eine Lotsenfunktion, so Miller. Für viele Bürgerinnen und Bürger ist es schwierig, sich in den möglichen unterstützenden Leistungen wie Erwerbsunfähigkeitsrente, beruflicher Rehabilitation oder auch bei den Anträgen für Alg I und II sowie Grundsicherung zurechtzufinden.
Kinder und Jugendliche sind in Dachau unterversorgt – es fehlt an einem Kinder- und Jugendpsychiater, wie Sylvia Neumeier aus ihrer Beratungspraxis bei Drobs e.V. ebenso berichtete wie Andreas Miller. Es steht interessierten Fachärzten frei, in Dachau eine Praxis zu eröffnen, so Stefan Haniffa, Vertreter der kassenärztlichen Vereinigung. Falsche Regelungsmechanismen innerhalb des Gesundheitssystems und der wirtschaftliche Druck auf niedergelassene Fachärzte sind hier möglicherweise falsche Steuerungsmechanismen im Gesundheitswesen. Monatelange Wartezeiten bei Therapieplätzen für Kinder- und Jugendliche, so Sylvia Neumeier, schaffen für die Familien und die Kinder eine unerträgliche Belastungssituation.
Rudi Mahnert, Vertreter der Selbsthilfe-Gruppe Angst, stellte die wichtige Arbeit der Selbsthilfegruppe vor, die sich unter dem Dachau der Caritas trifft. Selbsthilfegruppen bieten betroffenen Menschen besondere Unterstützung und einen geschützten Rahmen, um Probleme anzusprechen, so Mahnert. Diese ehrenamtliche Tätigkeit ist wichtig, findet aber oft nicht die nötige Anerkennung und finanzielle Unterstützung – so zum Beispiel in der Erstattung von Fahrtkosten, wie Mahnert anmahnte.
Bei älteren Menschen ist das Krankheitsbild Depression oftmals verknüpft mit der zunehmenden Isolierung des Einzelnen und der Einsamkeit, die Menschen auch in Altenheimen empfinden, so erklärte Dr. Szymkowiak auf die Nachfrage der Moderatorin zu speziellen Aspekten in diesem Lebensalter. Insgesamt stellt die moderne Gesellschaft mit der Forderung an Mobilität und oft fehlender familiärer Verankerung neue Anforderungen an den Menschen. Gegenüber den historisch anderen Belastungen, die auf die Nachkriegsgeneration einwirkten, liegen hier neue Herausforderungen für die individuelle Lebensgestaltung, so Dr. Althaus.
Für Dachau wurde aus dem Plenum das Fehlen von Plätzen für die Kinder- und Jugendtherapie angesprochen und beklagt, dass eine mögliche Härtefallregelung für die Vergabe von Niederlassungsgenehmigungen durch die kassenärztliche Vereinigung möglicherweise zu wenig genutzt wird. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Niederlassungen müssen überprüft werden, so Sylvia Neumeier. Insbesondere zeige sich die Fehlsteuerung durch die Zusammenfassung in den Facharztgruppen bei Psychiatrie und Neurologie – freie Praxen können hier wahlweise durch eine der beiden Fachrichtungen besetzt werden und spiegeln nicht zwingend den Bedarf vor Ort wieder.